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iPads im Klassenzimmer – Zwischenbilanz nach fünf Jahren Tablet-Unterricht

Als Apple 2010 das erste iPad vorstellte, entschlossen sich einige Schulen, Tablet-Klassen einzurichten. Viel ist seitdem geschehen, und einige Herausforderungen gilt es noch zu meistern – nicht nur für Apple und andere Anbieter von Tablet-Computern.

Tablet Computer im Unterricht (Handout: Apple)
Tablet Computer im Unterricht (Handout: Apple)

Die ersten iPads waren gerade erst ein paar Monate in Deutschland verfügbar, als der Kölner Gymnasiallehrer André J. Spang ein großes Wagnis einging, das seinen Schulalltag nachhaltig verändern sollte. Der Lehrer für Musik und Religion überzeugte den Förderverein der „Kaiserin Augusta Schule“, einen Klassensatz der Apple-Tablets anzuschaffen. So entstand in kürzester Zeit eine der ersten iPad-Klassen in Deutschland. Gute fünf Jahre später zieht Spang eine positive Bilanz: Das Lernen mit mobilen Endgeräten und dem Netz mache die Schule nicht überflüssig, aber anders: „Die Schüler machen – früher mussten sie mitmachen.“

Der Optimismus von den Digital-Aktivisten an den Schulen wie Spang wird aber längst nicht von allen Lehrern, Eltern und Verantwortlichen in den Schulbehörden und Ministerien geteilt. „Ideologische Vorbehalte – man könnte auch sagen ein gewisser Kulturpessimismus –  behindern schon die Einführung von digitalen Geräten und Diensten in der Schule. Die Gegner der digitalen Medien sind sich nicht über den Nutzen im Klaren“, sagt der Gymnasiallehrer.

Andreas Hofmann
Andreas Hofmann (Foto: privat)

Diese Erfahrungen hat auch Andreas Hofmann gemacht, der an der Oberschule „Waldschule Hatten“ im Süden Oldenburgs unterrichtet. Der Realschullehrer ist medienpädagogischer Berater des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung und hat bereits etliche Schulen auf ihrem Weg bei der Implementierung von Tablet-Klassen begleitet. Die Argumente, die dabei von Technik-Skeptikern angeführt würden, seien immer die gleichen. „Da handelt es sich zu 99 Prozent um ideologische Grabenkämpfe. Es bestehen ganz viele Ängste und Unsicherheiten“, sagt Hofmann. Angst und Unsicherheit seien die wahren Gründe für die Technik-Skepsis. Eine Ursache: Viele Lehrer haben eine „unglaublich schlechte digitale Vorbildung“. „Das ist auch kein Wunder, wenn ich sehe, wie die Lehrerausbildung in Niedersachsen und in anderen Bundesländern abläuft. Da hat sich in den vergangenen zehn, zwölf Jahren kaum etwas geändert.“

Mathe kann Spaß machen

Woanders scheint das besser zu laufen. Jörg Dräger, Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung, hat sich für eine Untersuchung zur Digitalisierung des Unterrichts unter anderem eine Schule in den USA angeschaut, die Mathematik auch viel mit digitalen Medien unterrichtet. „Dort schaffen es die Kinder, diesen eigentlich doch drögen Mathematikstoff von anderthalb Jahren in einem Jahr zu lernen, und zwar, ohne dass sie gequält sind, ohne dass sie nachts noch über den Hausaufgaben sitzen, sondern mit Spaß“, sagt Bildungsexperte Dräger in einem NDR-Interview. „Das Internet schafft es im Moment, Bildung zu demokratisieren, Lernen motivierender und auch ein Stück freudiger zu machen, und das sind Dinge, die auch in deutschen Schulen gut gebraucht werden.“

In den deutschen Lehrerzimmern und auf Elternabenden bekommen Berater wie Hofmann und Spang aber immer wieder Gegenargumente zu hören. Der Guru der Technikverweigerer ist der Psychiatrie-Professor Manfred Spitzer, der mit Büchern wie „Digitale Demenz“ und „Cyberkrank“ in den Bestsellerlisten steht: „Dieses ganze Gerede: ‚Wir brauchen heute gar kein Wissen mehr, wir können ja alles googeln‘, ist dummes Zeug“, sagt Spitzer und legt nach: „Es gibt jede Menge Studien, die zeigen, wie schädlich das ist. Computer sind Lernverhinderungsmaschinen, die haben an Schulen nichts verloren.“

André J. Spang
André J. Spang (Foto: privat)

Spang hält mit seinen Erfahrungen aus über fünf Jahren  iPad-Schulpraxis dagegen: „Wenn man digitale Geräte und Dienste wie das Web, Blogs, Wikis, Social Media und Apps einsetzt, können Lehrende die Kompetenzen fördern, die Lernende heute benötigen: Kreativität mit digitalen Medien, ein kritisches Denken über und ein reflektierter Einsatz von digitalen Medien, Kommunikation und Zusammenarbeit, also Kollaboration über verschiedene Plattformen hinweg. Also alles, was man unter den 21st-Century-Skills versteht.“ Das Ziel könne man nur erreichen, wenn man Medien auch nutze und nicht nur darüber spreche. „Man lernt diese Skills nur dann, wenn man konstruktiv mit den Medien umgeht. Wichtig dabei ist Vielfalt: Wir sprechen nicht nur über digitale Medien – aber es gibt auch nicht nur Print. Wir befinden uns jetzt im digitalen Zeitalter. Davor kann und darf sich Schule nicht verschließen – Lernen mit digitalen Medien gehört heute in jedes Unterrichtsfach.“

Ideologie und Praxis

Bei der Einführung von Tablet-Klassen treffen Experten wie Spang, Hofmann und andere engagierte Lehrer aber nicht nur auf grundsätzliche Vorbehalte, sondern auf ganz handfeste Probleme. „Es geht nicht nur um Ideologie: Man braucht auch Infrastruktur. Es bringt ja nichts, wenn man Tablets anschafft und hat dann kein WLAN“, sagt Spang. Man benötige außerdem ein tragfähiges Medienkonzept für die Schule. „Es ist wenig sinnvoll, wenn man Geräte besorgt und dann kein didaktisches Konzept hat. Aber so etwas passiert – und ist zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht rasch nachsteuert – und dann ist die Enttäuschung groß. Doch das ist heute die Ausnahme, man weiß, dass man mit dem Einkauf von Technologie alleine nicht dafür sorgen kann, dass das Lernen gefördert wird.“

Bei der Einrichtung der ersten Tablet-Klassen in Deutschland gab es zum iPad quasi keine Alternative. Und die Lehrer, die mit dem iPad im Klassenzimmer arbeiten, sagen unisono, dass es kein Fehler war, auf das Apple-Tablet zu setzen. „Der Einsatz hat sich bis heute bewährt. Wir haben jetzt gerade weiter aufgestockt“, berichtet der Kölner Lehrer Spang. „Wir wollten auch heute bewusst keine gemischte Systemlandschaft. Die iPads sind einfach zu warten, gehen nicht kaputt, sie laufen alle noch.“ Mit der ersten iPad-Generation ohne Kamera könne man zwar inzwischen – im Vergleich zu aktuellen Geräten – außer Surfen und Text- bzw. Präsentationserstellung nicht mehr viel anfangen. „Ein stationärer Computer in einem Informatikraum hätte aber sicherlich keine fünf Jahre überlebt. Das iOS auf den iPads hat den Vorteil, dass es sehr stabil läuft und nicht manipuliert werden kann.“ Das sei im Schulalltag ein sehr wichtiger Punkt. „Wenn man ein System hat, dass einfach funktioniert und bei dem man nicht viel verstellen kann, dann ist das Device immer und sofort einsatzbereit. Und wenn es mal nicht läuft, startet man es einfach durch und dann geht es wieder. Technikschulungen braucht es da nicht.“

Wie andere Lehrer auch konnte sich Spang zunächst nicht mit manchen Restriktionen abfinden, die das iOS auf dem iPad mit sich bringt. So wurde insbesondere eine Option vermisst, ohne aufwendige Sync-Vorgänge Dateien auf das iPad zu bringen. Doch mittlerweile hat der Gymnasiallehrer auch Verständnis für das Vorgehen der iPad-Entwickler: „Ich glaube, Apple hat sich da überlegt, dass man das minimalistisch macht — Keep it simple.“ Und Apple habe dann den Weg einfach konsequent weiterverfolgt. „Und das finde ich dann auch gut, wenn jemand einen neuen Weg beschreitet und das wirklich durchhält. Sie bessern nach, bleiben aber auf dem Weg.“

Mittlerweile sei das System so ausgereift, dass man fast alles damit machen könne. „Manchmal fehlt tatsächlich noch der Zugriff auf ein Dateisystem, dann stört es vielleicht doch noch ein wenig. Aber letztendlich gibt es für den Dateitausch so viele Workarounds über Apps wie Dropbox, Google Drive, uCloud, usw., dass man das in den Griff bekommt.“ Manchmal wünsche er sich zwar die Option, direkt auf eine einzelne Datei zuzugreifen. „Aber vermutlich käme dann das System ins Wanken, weil es angreifbarer und manipulierbarer würde. Und das bedeutet dann wieder in der Schule viel Administration und nicht nutzbare Geräte. Unterm Strich kann ich sagen: Es ist so in Ordnung, wie es ist.“

Spang freut sich schon wie viele seiner Kollegen auf die Perspektiven, die die neue iPad-Software für Schulen ermöglicht. Als Teil von der aktuellen iOS-Version umfasst „Apple Education“ umfasst mehrere Aspekte. Mit der Funktion Shared iPad kann man das Tablet Multi-User-Modus betreiben. Man muss dann den Schülern nicht mehr ein iPad fest zuzuordnen. Nach einem Login in einem beliebigen iPad aus dem Schul-Fundus wird das personalisierte Profil des Schülers inklusive aller benötigten Apps, E-Books und Dokumente heruntergeladen. „Damit haben auch die Möglichkeit, die Geräte so einzustellen, dass sie von verschiedenen Schülern genutzt werden können.“ Auch bei Leihgeräten könnten dann die Schüler ihre eigenen Inhalte wiederfinden. „Das geht zwar nicht sekundenschnell, aber es geht immerhin, was ein großer Vorteil ist.“ Es existierten zwar auch Einschränkungen, weil das neue System nicht auf den alten Geräten laufe. „Aber wenn ich ein oder zwei Jahre in die Zukunft schaue, dann ist das neue System noch ausgereifter und schneller – und wir haben bis dahin die alten Geräte ersetzen können. Dann haben wir eine Super-Lösung.

Info-Box Shared iPad

Geteiltes iPad“ ist ein neues Feature, das Apple mit iOS 9 eingeführt hat. Es wurde für Schulen entwickelt, die Geräte mehreren Schülern zuweisen und ihnen gleichzeitig ein persönliches Erlebnis bieten wollen. Vor dem Unterricht können Lehrer jedes iPad einem Schüler in der Klasse zuweisen. Schüler erkennen ihr Gerät an ihrem Bild auf dem Sperrbildschirm. Und sie können mit einem Passwort oder einer vierstelligen PIN auf ihre Inhalte zugreifen. Nach dem Login können die Schüler mit ihren Hausaufgaben, Apps und Aufgaben genau da weitermachen, wo sie beim letzten Mal aufgehört haben.

Shared iPad
Shared iPad

Apple Education umfasst aber nicht nur einen Multi-User-Modus, sondern auch andere Verbesserungen: Die neue App Classroom richtet sich an die Lehrer. Sie können auf ihren eigenen iPad sehen, was jeder Schüler auf seinem iPad sieht. So können sie den Fortschritt von Schülern bei Aufgaben und Tests im Auge behalten. Wenn das Klassenzimmer mit einem Apple TV ausgestattet ist, kann der Inhalt von den iPads der Schüler auf einem Fernseher, Monitor oder Beamer gespiegelt werden. Dabei bestimmt der Lehrer, welche Arbeiten von Schülern gemeinsam angeschaut werden.

Mit der neuen iPad-Software können Lehrer auch die Schüler-iPads fernsteuern. Dabei ist es möglich, eine bestimmte App oder Schulbuchseite auf dem iPad jedes Schülers gleichzeitig zu öffnen. Sollen sich die Schüler auf eine Aufgabe oder einen Test konzentrieren können, kann der Lehrer auch die Schüler-iPads auf eine einzige App beschränken. Außerdem können Lehrer Passwörter der Schüler-iPads von ihrem eigenen Gerät aus iPad zurücksetzen, sollte ein Schüler sein Passwort vergessen haben.

Andere Apps und Features für den Bildungsmarkt bietet Apple schon seit geraumer Zeit an. So werden in vielen Klassen die kostenlosen Apple-Apps iBooks, Pages , Keynote und iMovie genutzt. Die App iBooks eignet sich zum Laden und Lesen von Büchern. Es können wichtige Abschnitte markiert und Notizen hinzugefügt werden. Auch PDF-Dokumente können geöffnet werden. Das Textverarbeitungsprogramm Pages bietet Vorlagen, die Hausarbeiten sehr professionell aussehen lassen – aber auch die Möglichkeit ein leeres Dokument mit Text, Bildern und Formen zu gestalten. Mit der App Keynote können Präsentationen mit Bildern, animierten Diagrammen und Übergänge gestaltet werden. Und mit iMovie können nicht nur Urlaubs-Videos geschnitten werden, sondern auch Aufzeichnungen eines Chemie-Experiments in einem Lehrfilm aufbereitet, Reportagen aufgezeichnet oder Bewegungsabläufe in der Leichtathletik analysiert werden.

Wenn eine Schule umfassend mit Apple-Geräten ausgestattet ist, kommt häufig auch die Anwendung iBooks Author für den Mac ins Spiel. Hier können interaktive Multi-Touch Bücher, Notizensammlungen, Projekte und andere Lernmaterialien für iPad oder Mac erstellt werden. Mit diesem Autorenprogramm ist es vergleichsweise einfach möglich, Fotogalerien mit Bildunterschriften und Bildern hinzuzufügen, in denen die Leser dann reinzoomen können. Das Programm iBooks Author eignet sich auch dazu, eigene Bücher, Aufsätze, Laboranleitungen und Ausflugsnotizen zu erstellen. Die iBooks können allerdings nur auf Macs und iPads gelesen werden. Eine Alternative zu iBooks Author ist die App Book Creator von Red Jumper, mit der man ebenfalls leicht auf dem iPad anschauliche multimediale Bücher im EPUB-Format erstellen kann. Unter http://www.schule-apps.de/ findet man eine Datenbank mit geeigneten Apps für den Unterricht in der Schule oder das Lernen zu Hause.

Debakel in Los Angeles

Trotz des einhelligen Lobes von vielen Lehrern kann Apple im Bildungsmarkt nicht auf eine lupenreine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Insbesondere ein gigantisches Projekt in Kalifornien entwickelte sich zu einem regelrechten Debakel: Im Jahr 2013 kündigte der Los Angeles Unified School District noch großspurig an, dass jeder Schüler in der Millionenmetropole mit einem iPad und einem digitalen Lehrplan ausgestattet werden sollte. Für die Bestellung von 650 000 iPads und eine Schulsoftware von Pearson wurde ein Etat von insgesamt 1,3 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Doch nach der Anschaffung der ersten 91 000 iPads wurde das Projekt abrupt gestoppt.

Zuerst hatten Berichte für Schlagzeilen gesorgt, dass einige Schüler in Los Angeles sich mit einem Hack die Admin-Rechte für das System erschleichen konnten. Als größtes Problem erwies sich aber das zentrale Curriculum (Pearson Common Core System), weil es sich im Schulalltag nicht bewährte und von den Lehrern dann weitgehend ignoriert wurde. Dann verschwanden auch noch viele iPads in dunklen Kanälen und die Beteiligten konnten sich nicht darauf einigen, wer die Ersatzgeräte zu beschaffen hatte. Außerdem wurden Korruptionsvorwürfe laut. Im Herbst 2015 einigte sich die Schulkommission von Los Angeles mit Pearson auf eine Rückzahlung von 6,4 Millionen US-Dollar. Apple erstattete der Behörde 4,2 Millionen Dollar. Und auch Lenovo, die mit Laptops an dem Pearson-Projekt beteiligt waren, wurden mit 2,2 Millionen zur Kasse gebeten.

Dieser schwere Schlag für Apple hat der Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt in den USA geholfen. Insbesondere Google kann hier seit Monaten mit seinen abgespeckten Laptops punkten. Ende 2014 fanden erstmals mehr Chromebooks den Weg in die Klassenzimmer in den Vereinigten Staaten als iPads. In den Schulen, die sich für die Google-Lösung entschieden hatten, zog vor allem das Kostenargument. Mit einem durchschnittlichen Preis von 199 Dollar ist ein Chromebook deutlich günstiger als ein iPad. Außerdem verfügt es bereits über eine Tastatur, die beim iPad als Zubehör beschafft werden muss.

Die Kostenfrage spielt natürlich auch in Deutschland eine Rolle, auch wenn hier zumeist nicht das Chromebook als Alternative zum iPad diskutiert wird. Wenn man die finanziellen Aufwendungen für ein iPad auf die gesamte Lebensdauer des Geräts berechnet, relativieren sich die Bedenken zu den vergleichsweise hohen Anschaffungskosten: „Bei den Tablet-Projekten kommt auch immer wieder vor, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden“, sagt Berater Hofmann. „Das iPad ist ein Businessgerät, das den Schulalltag auch aushält, weil es nicht in einem billigen Kunststoffgehäuse steckt. Es wird dann aber trotzdem mit einem Medion-Tablet für 95 Euro verglichen.“

Doch auch unter den iPad-Befürwortern in deutschen Lehrerzimmern hört man kritische Stimmen zu Apples Preispolitik. So konnten etliche Projekt-Verantwortliche zwischenzeitlich sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Apple zuletzt ausgerechnet das iPad-Modell mit 32 Gigabyte Speicher vom Markt genommen hat. Das neue iPad Air 2 gab es jetzt nur noch mit 16 GByte oder 64 GByte. Der Preisunterschied von 100 Euro summiert sich schnell bei einem Klassensatz. Mit dem jüngsten Modell-Update gibt es aber das populäre 32-GB-Modell als Einstiegsgerät wieder (Stand Oktober 2016).

iPad Air 2 Preise (Stand: Oktober 2016)
iPad Air 2 Preise (Stand: Oktober 2016)

Herausforderung Datenschutz

Immerhin kann Apple beim Datenschutz halbwegs punkten, weil der Konzern im Gegensatz zu Wettbewerbern sein Geld mit dem Verkauf der Hardware macht und kein kommerzielles Interesse an einem möglichst umfangreichen Profil seiner Nutzer hat. Allerdings wünschen sich einige Schulverantwortliche in Deutschland, dass Apple auch eine Variante seiner Cloud-Dienste anbieten würde, die ausschließlich in Deutschland gehostet wird – so wie das inzwischen Microsoft (gegen Aufpreis) möglich macht.

Im Wettbewerb mit Google hingegen sieht Apple beim Datenschutz wie ein Musterschüler aus. Selbst in den USA werden kritische Stimmen zum Umgang von Google mit den Daten der Schüler laut: Im vergangenen Dezember wandte sich die renommierte Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) in den USA an die Öffentlichkeit und warf Google vor, Schüler und Studenten auszuspionieren, die mit einem Chromebook in der Klasse arbeiten. Nach dem Bericht der US-Datenschutzstiftung hat Google persönliche Daten der Schüler und Studenten gespeichert. Möglich geworden sei dies durch die Standardeinstellungen auf Googles Chromebooks in Schulen und Universitäten. Dabei erfahre Google genau, nach welchen Begriffen die Schüler gesucht haben, welche Ergebnisse sie sich angeschaut haben, welche YouTube-Videos aufgerufen und welche Passwörter gespeichert wurden. Eine Erlaubnis von den Eltern oder Schülern zum Speichern der Daten habe Google zuvor nicht eingeholt.

og-studentprivacygoogle

In einem Update zu der Kampagne „Spying on Students“ teile die EFF Anfang Oktober 2016 mit, Google habe in den USA zumindest teilweise eingelenkt. Danach sollen die Informationen über die Schüler nicht länger dazu verwendet werden, auf die Nutzer angepasste Werbung auszuspielen.  Die EFF spricht aber nur von einem Teilerfolg, da das Hauptproblem bestehen bleibe, nämlich dass Google ohne ausdrückliche Einwilligung der Eltern Informationen über die Schüler und Studenten sammle.

We shouldn’t start celebrating yet, though. For one thing, the core of our FTC complaint—that Google collects data on students using non-GAFE services without parental consent, despite having promised not to do so—remains. Google is also still collecting a huge amount of information from students for other purposes, including device information (such as hardware models, operating system versions, and unique device identifiers) and log information (such as queries, system activity, and hardware settings). Even if it’s not using that data to target ads, it’s not clear why Google thinks it should be allowed to keep and retain that data for anything other than directly providing a service to the GAFE user, especially when it knows the data comes from a GAFE account—many of which belong to students under the age of 13. This implicates COPPA, which prohibits companies like Google from collecting children’s personal information and using it for commercial purposes without parental consent.

Die EFF zur Datenschutz-Politik der Google-App „G Suite for Education“

In Deutschland ist die Öffentlichkeit Google gegenüber ohnehin viel kritischer eingestellt. Das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass das Google-Notebook als iPad-Konkurrent bislang nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch Apple-Konkurrent Samsung taucht bislang nur vergleichsweise selten in den Klassenzimmern auf. Die Südkoreaner sind aber beispielsweise der Technik-Lieferant für das Pilotprojekt „Das digitale Klassenzimmer“ in Schleswig-Holstein, bei dem drei Grundschulen im Land bis Ende des Schuljahres 2016/17 eine Ausrüstung leihweise zur Verfügung gestellt wird. Das Paket umfasst jeweils 32 Android-Tablets, einen interaktiven 65-Zoll-Monitor sowie weitere Soft- und Hardwarekomponenten der Firma Samsung School Solution.

Im Zweifelsfall trifft Apple in Deutschland aber nicht auf Samsung oder Google, sondern eher auf Microsoft. Der Software-Konzern hatte mit seinem Windows-System schon in der Vergangenheit die Infrastruktur in den Informatik-Räumen der Schulen beherrscht und versucht nun mit Geräten wie dem Surface-Tablet oder seinem Surface Book einen Neuanfang.

Geld für das digitale Klassenzimmer

Egal ob nun aber iPads oder Konkurrenzprodukte angeschafft werden sollen: Die Finanzierung der notwendigen Infrastruktur und der Geräte selbst stellt für die Schulen auf dem Weg ins digitale Zeitalter eine erhebliche Hürde dar. In den vergangenen Jahren konnte man große staatliche Aktivitäten zur Finanzierung eines Tablet-Computers für jeden Schüler weder bei der Bundesregierung noch bei den Landesregierungen oder städtischen Schulträgern finden. Immerhin hat inzwischen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigt, dass alle rund 40 000 Schulen in Deutschland in den nächsten fünf Jahren mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Programm für digitale Bildung fit gemacht werden sollen. Während der Bund das gesamte Geld geben will, müssten sich die für Schulpolitik zuständigen Länder verpflichten, pädagogische Konzepte, Aus- und Fortbildung von Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen. Dies sehen Pläne für einen „Digitalpakt“ vor, den die Bundesbildungsministerin  am 12. Oktober 2016 in Berlin vorstellte.

Bei dem Digitalpakt soll es aber vor allem um die Infrastruktur, also den Internet-Anschluss der Schule und die Versorgung der Klassenzimmer mit WLAN, gehen. Unklar bleibt, wer die Anschaffung der Tablets bezahlt. Selbst wenn sich die Eltern und die Schule grundsätzlich auf den Kauf von Tablets verständigen können — spätestens bei der Frage der Finanzierung geht es bei den Debatten auf den Elternabenden dann hitzig zu. Zur Auswahl stehen in der Regel drei Modelle: Elternfinanzierung, Schulfinanzierung und „Bring Your Own Device“ (BYOD).

Berater Andreas Hofmann hat bei den Finanzierungsmodellen eine klare Präferenz: „Die Finanzierung durch die Eltern ist für mich die einzig akzeptable Krücke. Es ist utopisch zu glauben, dass unsere Schüler aus Steuermitteln mit Medien ausgestattet werden.“ Das werde nie passieren. „Deshalb müssen wir den Plan B suchen.“ Er glaubt auch nicht, dass das Konzept „Bring Your Own Device“ sinnvoll ist. „Da der Ausbildungsstand der Lehrer so schwach ist, glaube ich nicht, dass BYOD-Varianten an einer Schule momentan was taugen können und obendrein den Möglichkeiten digitalen Arbeitens gerecht werden.“

Gymnasiallehrer Spang wägt ab: „Beide Modelle, also die Beschaffung von Klassensätzen durch den Schulträger oder Förderverein und die 1:1-Lösung, haben ihren Charme.“ An seiner Schule in Köln sei man durch eine Schullösung vielleicht schneller vorangekommen. „Der Förderverein hat gesagt, er macht das. Das schulinterne Gremium und das Kollegium haben auch ‚Ja’ gesagt. Wir mussten dann nicht noch tausend andere Stellen bemühen.“ Pädagogisch sinnvoller sei aber das Modell, bei dem die Schüler ihr eigenes Gerät haben, meint auch Spang. „Dann kann man wesentlich mehr damit machen. Das Gerät ist immer verfügbar und die Inhalte sind auch immer drauf. Bei unserem Modell muss man die Geräte immer ausleihen. Wenn die Schüler das Gerät besitzen, können sie auch zu Hause damit arbeiten.“ Bei der 1:1-Lösung landeten die Kosten ja nicht beim Schulträger, sondern sie würden wie bei anderen Arbeitsmaterialien von den Eltern getragen. „Auf drei Jahre gerechnet muss man schätzungsweise mit rund 15 Euro im Monat kalkulieren. Die Versicherung ist da schon drin. Das ist dann ein Betrag, bei dem man sagen kann, okay, das kann man machen. Wenn Eltern das nicht tragen können, gilt es eine sozial verträgliche Lösung zu finden, zum Beispiel durch eine Förderung.“

Fazit

Der Hauptgrund dafür, dass die Integration digitaler Medien in Schulen bisher so wenig umgesetzt wurde, liegt aber nicht in der wackeligen Finanzierung der Projekte. Und es ist auch nicht die Schuld von Apple, Google oder Microsoft, dass in Deutschland die Ausstattung mit und die Nutzung von digitalen Medien im internationalen Vergleich so gering ist. Der digitale Notstand in den Klassenzimmern hat vor allem damit zu tun, dass die Ausbildung und Personalentwicklung der Lehrer im Argen liegt. Zwar gibt es erste Fortschritte: Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat bei ihren neu formulierten Standards vorgeschlagen, digitale Medien in die bildungswissenschaftliche Ausbildung von angehenden Lehrkräften zu integrieren. Doch bis diese Änderung in der Praxis ankommt, hat wahrscheinlich eine halbe Schülergeneration bereits ihren Abschluss erlangt.

Die Schulen, die für ihre Klassenzimmer Tablet-Programme durchboxen, entscheiden sich mehrheitlich noch für das iPad, obwohl Apple im Gegensatz zu früher kein Monopol mehr hat und Android-Geräte in der Regel deutlich günstiger sind. Mit dem neuen kostenlosen Feature „Education“, das jetzt zum Schulbeginn im Herbst 2016 in 26 Ländern (darunter Deutschland) bereitstellt wird, wertet Apple das iPad weiter auf. Da die Konkurrenz aber nicht schläft, sollte Apple trotzdem sein Angebot für den Bildungsmarkt überdenken – sowohl was die technischen Produktvarianten angeht, als auch bei den Einkauf-Rabatten, die Schulen eingeräumt werden.

Autor: Christoph Dernbach

 

Quellen/Links:

Buch: Andreas Hofmann, Eyk Franz, Cornelia Schneider-Pungs: Tablets im Unterricht – Ein praktischer Leitfaden, AOL-Verlag Hamburg, 2016.

Blog André J. Spang

Blog „Lehren und Lernen mit dem iPad“ von Andreas Hofmann und Eyk Franz

Blog „Tablet in der Schule“ – Infoport GmbH

Otto-Hahn-Gymnasium Saarbrücken: Warum Tablets im Unterricht? 

Arbeitsbericht Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag: Digitale Medien in der Bildung (2016)

Leitfaden Tabletklasse – Zum optimalen Einsatz von Tablets im Unterricht – Education Group GmbH

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8 comments

  1. Christoph Becker

    Ein klasse Beitrag der die nicht stattfindende IT an Schulen Entwicklung in Deutschland treffend skizziert. Ich für meinen Teil als kundiger Elternvertreter einer Gesamtschule im Aufbau der an einem „Medien Konzept“ mitschreibt, raufe mir die Haare.

  2. Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. Wir sind seit knapp 4 Jahren mit einer elternfinanzierten 1-zu-1 iPad-Lösung unterwegs. Ich kann alles in diesem Beitrag bejahen und schwöre immer noch auf das iPad in der Schule, auch mit dem im Beitrag genannten Einschränkungen. Auch die von einigen Bildungspolitikern favorisierte BYOD -Lösung wird an der mangelnden Kompetenz vieler Lehrer scheitern und maximal für ein einzelnes Projekt einsetzbar sein. Es ist wie immer die große Distanz zum schulischen Alltag, welche die Schreibtischtäter am grünen Tisch falsche Entscheidungen treffen lässt. Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

  3. Nach inzwischen 2 1/2 Jahren iPad Erfahrung mit zwei Töchtern, im Rahmen eines Pilotprojektes an einem Gymnasium an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Münsterland, ziehe ich für uns eine sehr gemischte Bilanz. Um es vorab zu sagen: ich bin selber ein Vollblut Geek, Naturwissenschaftler, blicke auf mehr als 35 Jahre Erfahrung mit Computern zurück und bin von der technischen Seite der heutigen Möglichkeiten absolut fasziniert. Zugleich bin ich hochgradig irritiert von der wirtschaftlich-sozialen Seite der Medaille. Im oben stehenden – nicht wirklich objektiven – Artikel wird das iPad als „Business Gerät“ beschrieben, was bei mir ein unwillkürliches Augenrollen ausgelöst hat. Natürlich – das iPad ist qualitativ ein hochwertiges Gerät, und es lässt sich für allerlei professionelle und wissenschaftliche Anwendungen einsetzen. In erster Linie kommt es allerdings daher – wie ein bunter Verkaufskiosk, und das gilt auch für den Großteil der Konkurrenz. Das iPad und die komplette um das Gerät herum gruppierte technisch-wirtschaftliche Infrastruktur ist vollständig durchoptimiert in Hinblick auf Verkäufe von Apps. In erster Linie sind dies Spiele und Medien, vor allem Musik, und Apps die auf das Sammeln von Nutzerdaten ausgelegt sind. Wer meint Whattsapp et al seien in erster Linie Kommunikationsanwendungen muss nachsitzen.

    In unserem Haushalt leben 3 Kinder zwischen knapp 8 und knapp 13 Jahren – unsere zwei Gymnasiastinnen sind mit iPads ausgestattet, die größtenteils von uns selber finanziert werden müssen (man konnte sich dem Gruppendruck schlecht entziehen). Die Nutzung im Schulalltag ist meiner Beobachtung nach sehr beschränkt und dreht sich größtenteils um die Erstellung von Präsentationen, das Anfertigen von Photos und Videoclips und die Verwendung (bzw. teils nur die Installation) von eBooks und Vokabeltrainern – alles Anwendungen für die das iOS nun wirklich nicht notwendig ist. Netzrecherche führt, unabhängig von der Plattform, zum üblichen „Copy-Paste“ Verhalten, und den Umgang mit Quellenangaben bereits Unterstuflern beizubringen ist mühsam. Vor allem der Verlockung der bunten Welt des allgegenwärtigen tragbaren Apple Verkaufskiosks können die Kinder nicht entrinnen – und manche Erwachsene auch nicht. Zu 90% werden die Geräte für Spiele und zum Anschauen von Youtube Videos verwendet, wobei vor allem unsere älteste Tochter ein regelrechtes Suchtverhalten für Minecraft entwickelt hat – ein Spiel, dem ich aus vielen Gründe sehr positiv gegenüber stehe, das aber durch seine offene und nicht zielorientierte „Sandbox“ Struktur zum Endlosspielen verleitet und damit zur Entstehung von echtem Suchtverhalten führt, verstärkt noch durch eine ausgeuferte Fan Szene, die sich um populäre „Let’s Play“ Proponenten auf Youtube gruppieren und eine regelrechte Subkultur bilden. Das iPad dient hierbei natürlich nur als Träger, aber es ist eben das auf Konsum hin optimierte „Business Ecosystem“, das genau zu dieser Art von Verhalten verleitet, ja fast schon drängt. Als Resultat werden gerade diejenigen jungen Menschen, die sich ohnehin leicht ablenken lassen, noch mehr abgelenkt, und es wird ihnen außerordentlich schwer gemacht, sich zu fokussieren. In Familien wird Unruhe hineingetragen, unter anderem weil zusätzliche Kontrollmechanismen notwendig werden, wodurch außerordentlich hohes Konfliktpotential entsteht.

    Es gab einen Moment, in dem mir bewußt geworden war, wie psychologisch bedenklich und wirklich krankhaft die Abhängigkeit von diesen Geräten werden kann: Eine zwölfjährige Freundin meiner Tochter hatte ihr iPhone bei uns vergessen. Sie wohnte in einer Nachbarstadt, und am Abend desselben Tages brachten wir meine Tochter für einen Wochenendbesuch zu ihr – das iPhone sollten wir mitbringen, konnten es aber nicht finden. Als wir ankamen, stand die junge Dame bereits auf dem Parkplatz vor dem Haus, um uns in Empfang zu nehmen, wartete aber nicht auf ihre Freundin, sondern kam sofort auf mich zu und fragte nach ihrem Suchtmittel. Ahnungslos sagte ich wir hätten es nicht gefunden, aber sie könnte ja am nächsten Tag, wenn sie und meine Tochter zu uns kommen sollten, danach suchen. Die Veränderung auf dem Gesicht des Mädchens war erschreckend. Sie brach in Tränen aus, kollabierte regelrecht vor meinen Augen, rannte schreiend und heulend davon, trommelte an die Haustür und brüllte aus voller Kraft „Mama, mein Handy, mein Handy, Mama, ich will mein Handy…!!!“. Zu meiner Beruhigung war meine Tochter immerhin genauso ratlos wie ich.

    Das dritte iPad im Haushalt, ein voll Ausgestattetes iPad Retina mit 64 GB, das ursprünglich als Hilfsmittel für meine sehr technikaffine Mutter 8Mitte 70) angeschafft wurde, wird ebenfalls von diversen Personen in der Familie vor allem zum Spielen benutzt. Es wurde regelrecht „gekidnappt“ und steht für ernsthafte Anwendungen nicht mehr zur Verfügung. Ein ursprünglich über 800 Euro teures Spielzeug. Für mich selber sind Tablets bei näherer Betrachtung eine völlig überflüssige Zwischenlösung – ein vollkommen künstliches Nischenprodukt, irgendwo zwischen Laptop/Notebook und Smartphone, das seine Existenz zum einen den schwächelnden Verkaufsargumenten für neue Computergenerationen und zum anderen der ständigen Suche nach Vertriebskanälen für Inhalte und (Pseudo-) Dienstleistungen verdankt.

    Um zum Anfang zurückzukehren: ich bin kein Technikgegner, sehe aber die Optimierung der Tablets auf Online Käufe hin, das Suchtpotential, die ständige Ablenkung, die Modell- und Preispolitik vor allem bei Apple und den Unfrieden, der von Außen in Familien eingetragen wird, als äußerst kritisch. Schulen sollten auf keinen Fall auf Kosten der Familien als Agenten für die Vermehrung des „Shareholder Value“ der ohnehin bereits reichsten Firmen der Welt dienen, sondern eine optimale Lern- und Entwicklungserfahrung für die Schüler im Auge haben. Ein Gerät, bei dem man im wesentlichen auf bunte iCons klickt und vorgefertigte Inhalte kombiniert, erreicht dieses Ziel nicht. Ich sehe in erster Linie die Förderung von Copy-Paste Verhalten, und damit lernt man nicht. Auch Vokabeltrainer ersetzen nicht das in Jahrhunderten etablierte Lernkonzept aus lesen, hören, sprechen und schreiben. Natürlich kann, bei richtiger Nutzung, ein positiver Lerneffekt entstehen, ebenso aber kann die Verlockung des bunten Gerätes zu der Illusion führen, sich auf dem Bildschirm oberflächlich die Inhalte anzuschauen sei bereits Lernen. Das ist es nicht. Es ist vielmehr konsumieren. Und hier liegt die Crux: die Geräte wirken auf unterschiedliche Menschen sehr unterschiedlich. Die einen konsumieren, und die anderen kreieren. Unsere jüngste Tochter ist eine absolute Selbststarterin, und sie nutzt das iPad tatsächlich zum Lernen – Noten lernen, Sprache lernen, Mathe lernen. Weitgehend ohne äußeren Anstoß, der zudem kaum funktioniert (zumindest nicht ohne erheblichen Aufwand), vor allem da Ablenkung und Lernwerkzeug in einem Gehäuse vereint sind.

    Was tun? Die Versuchung ist natürlich groß, nach einer vorgefertigten Lösung eines großen industriellen Anbieters zu suchen, aber aus meiner Sicht ist das der vollkommen falsche Ansatz. Die Schulen sind vereint eine gewaltige Marktmacht. Man könnte beispielsweise auf Landes, Bundes oder sogar EU Ebene ein Pflichtenheft erstellen für die Anforderungen einer Schullösung. Basieren sollten die Geräte auf jeden Fall auf einem offenen Betriebssystem wie etwa Linux/ Ubuntu. Die Beschaffung kann über Ausschreibungen laufen, aber es gibt bereits jetzt zahllose Lösungen, beispielsweise basierend auf Not-For-Profit Konzepten wie Raspberry Pi. Wenn die Geräte da sind und die Verbreitung unter Schülern zunimmt, lassen auch die Software Lösungen nicht lange auf sich warten, wobei für die Anforderungen des mir bekannten Pilotprojektes mehr als genug Werkzeuge zur Verfügung stehen – und zwar kostenlos (Stichworte Open Office, Gimp und zahllose andere). Unterm Strich wird das Ganze problemlos um die Hälfte billiger sein, die Kinder werden an echte Informationstechnik herangeführt, die NICHT in erster Linie überhaupt erst entwickelt wurde, um Apps und Inhalte zu verkaufen. Alle nur denkbaren Anwendungen sind verfügbar – oder werden es bei steigender Verbreitung sehr schnell (ich will jetzt nicht spekulieren, welche „Markt“- oder andere – Mechanismen im Spiel sein könnten, die etwa Schulbuchverlage davon abhält, Inhalte für Linux basierte Systeme anzubieten). Es ist eine korrupte Welt, in der wir leben, in der Entscheidungen dem Weg des (vermeintlich) geringsten Widerstandes folgen, und der wird in unserer Welt eben durch die unsichtbare Hand der Unternehmensinteressen vorgegeben.

    Die Verwendung offener Systeme sollte immer die erste Grundsatzentscheidung für alle Schulen sein – im Übrigen auch auf der Verwaltungsebene. OpenSource. Schulen sind Gemeinschaftseinrichtungen. Sie sollten auch mit Gemeinschaftsprojekten zusammen arbeiten, anstatt sich auf Kosten der Familien von den Marketing Abteilungen von Apple, Google & Co als Werbeplattform missbrauchen zu lassen – Unternehmen, die bekanntlich alles tun, um sich dem Zugriff unserer Gesetze zu entziehen und im Interesse des eigenen Profits jeglichen Beitrag zu unserem Gemeinwesen zu vermeiden.

    • Hallo Herr Thiesen,
      ich kann viele Ihrer Argumente nachvollziehen und wäre auch froh gewesen, wenn es in Deutschland ein einheitliches Konzept in Sachen Mobile Devices gegeben hätte. Da war doch mal was mit der Ankündigung eines deutschen Tablets? In einem Land wo Bildungspolitik im Hoheitsbereich der Bundesländer liegt und selbst dort innerhalb eines Bundeslandes kein Konsens über ein einigermaßen einheitliches Konzept seitens digitaler Bildung vorliegt, wird es bis zum „Sankt Nimmerleinstag Tag“ dauern, bis man dies realisiert. Mir wurde vor nicht allzu langer Zeit bei dem Vorschlag Synergieeffekte durch Zusammenschluss aller Schulen von Seiten meines Bildungsministeriums gesagt, ich könnte mich ja vor Ort mit einigen Schulen zusammentun. Soviel zum Thema Marktmacht der Schulen.
      Auf den Desktop-PCs meiner Schule läuft übrigens vorrangig Open-Source Software, damit lassen sich auch grundlegende Konzepte verschiedener Anwendungsprogramme vermitteln. Bei den mobilen Geräten verhält es sich dabei ein wenig anders. Kostenfreie Apps, welche auch von diversen Pionieren auf dem Gebiet der mobilen Schule in diversen Blogs, Veranstaltungen etc. als Argument angeführt werden, nerven oft mit Werbung und dienen als zusätzlicher Vertriebskanal. Dies sehe ich beim Einsatz unserer iPads auch als problematisch an, so dass ich weitgehend darauf verzichte.

      Sie haben auch recht, dass mit der Preispolitik Apples den Familien bei einer Elternfinanzierung viel abverlangt wird. Insofern ist es wichtig, dass an den entsprechenden Schulen von den Lehrern auch alles mögliche aus den Geräten herausgeholt wird. Dazu gehört für mich ein vernünftiges Dateiverwaltungssystem mit Anbindung über WebDAV o.ä. an den Schulserver, um den Schülern ein strukturiertes Arbeiten zu vermitteln und nicht alles nur wahllos den Apps zu überlassen. Darüber hinaus sollten die Geräte nicht nur zur Recherche und Präsentation à la Powerpoint und Keynote verwendet werden, es geht nämlich wirklich mehr damit. Ich persönlich habe vieles in meinem Workflow digitalisiert.

      Bei Start unserer mobilen Klassen hatte ich den Eltern gesagt, dass die Geräte ihre Kinder nicht per se schlauer machen. Es kommt immer auf die Inhalte an, die damit produziert werden. Insofern finde ich das Beispiel ihrer jüngeren Tochter gut, das trifft in der Schule genauso zu. Manchmal habe ich auch den Eindruck diese Geräte machen die „Schlauen noch schlauer“ und die „Dummen noch dümmer“. Es ist genau die Frage, wofür nutze ich sie hauptsächlich. Aber sind wir einmal ehrlich, neben den Tablets gibt es noch das Handy oder Spielkonsolen, die bei den Kindern die selben Effekte erzeugen. Das Beispiel mit der Freundin Ihrer Tochter sagt alles 😉 Insofern bringt jede Entwicklung immer Licht und Schatten mit sich.

      Selbst der groß angekündigte Digitalpakt und die damit von Frau Wanka versprochenen 5 Mrd. Euro stehen auf einmal auf der Kippe, weil Herr Schäuble und Co. lieber in den Verteidigungshaushalt investieren wollen. Insofern werden die Schulen wieder auf sich selbst gestellt sein, wenn sie den Weg in Richtung digitale Bildung einschlagen wollen. Es ist bis zum heutigen Tage auch nicht geklärt, wer sich in ausreichender Form um die Wartung der ganzen Infrastruktur an den Schulen kümmert, dazu bedürfte es einer Art digitalen Hausmeister. Der müsste aber auch etwas von IT verstehen, wäre also nicht als prekär oder für einen Projektzeitraum Beschäftigter anzustellen. Meine Erfahrung ist, wenn es für die Lehrer zu kompliziert ist oder die Technik nicht problemlos läuft, wird sie nicht eingesetzt.
      Letztendlich kommt hinzu, dass offene Betriebssysteme wie Linux in der Breite nicht angekommen ist. Ich muss mich beruflich damit beschäftigen und nutze es z.B. auch auf dem Raspberry Pi. Damit umgehen können aber auch nur ein paar Spezies aus meinem beruflichen Umfeld. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis tendiert der Bekanntheitsgrad gegen null. Genau an diesem Punkt kommen wieder die großen Player à la Apple, Google und Co. auf den Plan, welchen es gelungen ist einfach funktionierende Systeme anzubieten und aus diesem Grund den Markt beherrschen. Genau das hat man in Deutschland lange Zeit verkannt und kann jetzt schlecht gegensteuern. In der Schule laufen übrigens die iPads 2 unserer ersten mobilen Klassen nach knapp 4 Jahren noch problemlos, insofern hat sich zumindest in diesem Bereich die Investition gelohnt.

      Zu guter Letzt zu Ihrer letzten Anmerkung, die mich ein wenig an mein „früheres Gemeinschaftsleben“ in der DDR erinnert. „Schulen sind Gemeinschaftseinrichtungen. Sie sollten auch mit Gemeinschaftsprojekten zusammen arbeiten …“, was ich ohne Wenn und Aber unterstütze. Allerdings sind das Wünsche, die von unseren Volksvertretern, trotz aller Bekundungen, leider nicht ernsthaft verfolgt werden. Wir leben immer noch im Kapitalismus, in welchem sich die Konzerne den Gesetzen nur deshalb entziehen können, weil die Politik diese Gesetze gemacht hat.

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