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Auf dem Weg zum digitalen Klassenzimmer – Bund will Milliarden geben

Der Weg zum flächendeckenden digitalen Klassenzimmer in Deutschland soll mit fünf Milliarden Euro gepflastert werden. Der Bund will die in der Schulpolitik zuständigen Länder rasch ins Boot holen, um ein Modernisierungsprogramm für Computer- und IT-Technologie zu starten.

Alle rund 40 000 Schulen in Deutschland sollen in den nächsten fünf Jahren mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Programm für digitale Bildung fit gemacht werden. Während der Bund das gesamte Geld geben will, müssten sich die für Schulpolitik zuständigen Länder verpflichten, pädagogische Konzepte, Aus- und Fortbildung von Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen. Dies sehen Pläne für einen «Digitalpakt» vor, den Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am 12. Oktober 2016 in Berlin vorstellte.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) äußert sich am 12.10.2016 bei einer Pressekonferenz im Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin zur "Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft". Die Bundesregierung will unter anderem für Computer und WLAN in allen 40.000 deutschen Schulen bis 2021 fünf Milliarden Euro bereitstellen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa (zu dpa "Wanka stellt Programm vor: «Sprung nach vorn» bei digitaler Bildung" vom 12.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Ihr Ziel sei, «Grundschulen, weiterführende allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen flächendeckend mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, WLAN und Geräten zu versorgen». Wanka betonte, dass es dem Bund um sehr konkrete Vereinbarungen gehe. «Technik ist kein Selbstzweck, das Lernen mit digitalen Medien muss einen Mehrwert haben. Ohne pädagogische Konzepte ist es rausgeschmissenes Geld.» Über einen entsprechenden Pakt wolle sie schon in Kürze mit den Ländern sprechen, ehe das Digitalisierungsprogramm für die Schulen nach der Bundestagswahl 2017 in Koalitionsverhandlungen eingebracht werden könne. «Je weiter wir bis dahin kommen, desto besser.»

Wanka geht davon aus, den Milliarden-Beitrag des Bundes absichern zu können. Grundlage für eine rasche Vereinbarung sei der Artikel 91c des Grundgesetzes, sagte die Ministerin mit Blick auf das «Kooperationsverbot» von Bund und Ländern im Schulbereich. Der Passus ermögliche die Zusammenarbeit im Bereich Informationstechnik, eine Grundgesetzänderung sei also nicht notwendig. Deutschland müsse die Chancen digitaler Bildung «viel stärker nutzen als bisher», betonte Wanka. Es gehe ihr um «einen großen Sprung nach vorn». Die Ministerin verwies auf Studien, wonach Deutschland sowohl bei Computer-Kompetenzen der Schüler als auch bei der IT-Ausstattung von Schulen «nicht an der Spitze» liege. Der Bund sehe sich daher als Schrittmacher.

Die von SPD und Grünen geführten Länder-Kultusministerien reagierten verhalten positiv und mahnten Nachbesserungen an. So forderte der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) «eine langfristige und nachhaltige Strategie» von Bund und Ländern. Rabe sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Es ist gut, dass endlich Bewegung in diese wichtige Sache kommt. Das darf aber keine Eintagsfliege sein, sonst stehen in zehn Jahren überall veraltete und ungenutzte Computer herum.» Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte: «Es ist gut, dass der Bund seine gesamtstaatliche Verantwortung für die Bildung erkennt.» Sie sehe «das Angebot nun als ersten Schritt, dem hoffentlich noch weitere folgen – zum Beispiel Bundesinvestitionen in den Ganztag, in die Schulsozialarbeit oder in multiprofessionelle Teams bei der Inklusion».

Die SPD setzt neben der Digitalisierung auf eine Gesamtstrategie, die beispielsweise die Sanierung maroder Schulgebäude einschließt. Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Hubertus Heil sagte über Wankas Vorschlag: «Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.» Es reiche aber nicht aus, Schulen nur digital voranzubringen. Bund, Länder und Kommunen sollten «eine umfassende Bildungsallianz» beschließen, Wankas Idee greife daher zu kurz. Das von der SPD geplante Schulprogramm für digitale Ausstattung, moderne Schulgebäude und mehr Ganztagsunterricht soll neun Milliarden Euro kosten.

(Werner Herpell, dpa)

Update Reaktion Branchenverband Bitkom:

Die Ankündigung von Bundesbildungsministerin Wanka, alle Schulen bis 2021 mit Computern und leistungsfähigen Internetzugängen ausstatten zu wollen, bietet nach Ansicht des Digitalverbands Bitkom eine riesige Chance. „Deutschlands Schulen können endlich in die digitale Welt überführt werden. Es ist höchste Zeit, dass wir von einzelnen Projekt-Klassen zu einer flächendeckenden digitalen Versorgung der Schulen kommen. Die analoge Kreidezeit in Deutschland geht jetzt zu Ende“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Wir appellieren an die Bundesländer, die Gelegenheit zu nutzen und den angebotenen Digitalpakt mit dem Bund zu schließen.“ Nach den Plänen des Bundesbildungsministeriums müssen die Länder im Gegenzug für die Ausstattung der Schulen Lehrer aus- und fortbilden sowie didaktische Konzepte erarbeiten und die digitalen Medien in den Unterricht integrieren. Rohleder: „Das grundsätzliche Problem ist seit Jahren bekannt: Geräte und digitale Infrastruktur alleine genügen nicht, aber ohne Geräte und Infrastruktur werden auch keine digitalen Lerninhalte entstehen. Der Vorstoß zu einem Digitalpakt zwischen Bund und Ländern bietet die Chance, den gordischen Knoten bei der Digitalisierung unserer Schulen zu durchschlagen.“ Gleichzeitig mahnte Bitkom, die Digitalisierung der Schulen rasch anzugehen. „Fünf Jahre sind in der digitalen Welt eine lange Zeit – und wir haben gegenüber anderen Ländern bereits heute einen Rückstand aufzuholen. Wir sollten uns auch zeitlich so ambitionierte Ziele wie möglich setzen“, so Rohleder.

Nach einer Bitkom-Studie von Anfang des Jahres würde jeder zweite Lehrer (48 Prozent) gerne öfter digitale Medien im Unterricht einsetzen, dies scheitert aber vor allem daran, dass nicht genügend Geräte an den Schulen vorhanden sind. Die technische Ausstattung mit Computern und Internet erhielt im Durchschnitt nur die Schulnoten „befriedigend“ bis „ausreichend“. Schon damals sagten 83 Prozent der Lehrer, sie würden sich ein stärkeres Engagement des Bundes bei einer Strategie für das digitale Lernen wünschen.

Anlässlich des IT-Gipfels am 16./17. November in Saarbrücken wird Bitkom zusammen mit der saarländischen Landesregierung und dem Bundesbildungsministerium den Umbau der Gesamtschule Bellevue zur „Smart School“ vorstellen. Ziel der Initiative, die von zahlreichen IT-Unternehmen wie Telekom, Samsung, Fujitsu, SAP und Bettermarks unterstützt wird, sind Infrastruktur, Pädagogik und Fortbildung gleichermaßen. Es wird eine Schule modellhaft mit digitalen Geräten für den Unterricht von morgen ausgestattet. Dabei sollen auch neueste Technologien wie Virtual Reality oder 3D-Druck erleb- und nutzbar gemacht werden. Gleichzeitig wird vom saarländischen Bildungsministerium zusammen mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien ein didaktisches Konzept entwickelt, um die Technologie bestmöglich in den Lehrplan zu integrieren und die Lehrer entsprechend weiterzubilden. „Das Smart-School-Projekt, das zum IT-Gipfel in Saarbrücken erstmals vorgestellt wird, kann eine Blaupause für den Digitalpakt sein. Es geht darum, einen Dreiklang aus digitaler Infrastruktur, digitalen Lerninhalten sowie der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu Digitalthemen zu schaffen“, so Rohleder.

Hinweis zur Methodik der Umfrageergebnisse: Bitkom Research hat in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Aris im Auftrag des Bitkom, des VBE und der LEARNTEC bundesweit 505 Lehrer der Sekundarstufe I in Hauptschulen, Schulen mit mehreren Bildungsgängen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien befragt. Die Befragung ist repräsentativ.

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Siehe auch:

Spiegel Online:
Widerstand gegen Schulcomputer
Nicht hören, nicht sehen, nicht digitalisieren

Die Bundesbildungsministerin will Milliarden in Computer für Schulen investieren – und wird dafür heftig kritisiert. Die Argumente der Kritiker illustrieren, was in Deutschland schiefläuft in Sachen Digitalisierung.

Quelle: Widerstand gegen Digitalisierung der Schule – Kolumne – SPIEGEL ONLINE

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2 comments

  1. Endlich hat es Deutschland auch vollständig begriffen! Wir arbeiten in der Schule noch teilweise mit gebrauchten 8 Jahre alten Rechnern auf denen Windows XP installiert ist. Die Stunde ist eher vorbei, als dass die Rechner hochgefahren sind…ich finde das dass einfach kein Zustand ist, den es in einigen Schulen Deutschlands geben sollte. Natürlich ist nicht für jede Neuerung Geld vorhanden, allerdings eine solide Ausstattung sollte vorhanden sein!

    Electro3500

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